Liebe auf den ersten Blick

Liebe auf den zweiten oder ersten Blick

Inhalt

Was ist dran?

Die Liebe auf den ersten Blick wird immer gehypt. Sie wird als die Romantik schlechthin idealisiert, denn sie entsteht aus reiner Leidenschaft, von der Energie der Liebe und der Magie und dem Knistern zwischen zwei Personen, die wohl sicher füreinander bestimmt zu sein scheinen. Geschichten über das Kennenlernen, die mit eben mit dem Titel „Es war Liebe auf den ersten Blick“ anfangen, bekommen meistens sehr viele verträumte Gesichter und funkelnde Augen, die sich genau dasselbe für sich auch wünschen.

Doch was ist dahinter? Muss es etwa immer Liebe auf den ersten Blick sein?

Es ist natürlich möglich, dass sich zwei Menschen begegnen und sofort eine Anziehungskraft fühlen. Aber das kann nicht aufgrund des tollen Charakters der anderen Person sein oder der guten Chemie, die man noch nicht austesten konnte. Das liegt rein darin, dass der andere einem von der Optik gefällt oder die Ausstrahlung von ihr einem zusagt. Dass diese Anziehung zu Anfang als Liebe gedeutet wird, liegt bestimmt in der Natur der Begegnung. Meistens ist es aber eher doch die Liebe auf den zweiten, dem dritten oder dem vierten Blick. Warum zählen letztere mehr für eine funktionierende harmonische Beziehung?

Was passiert beim ersten Eindruck?

Wenn zwei Menschen das erste Mal einander treffen, bilden sich beide automatisch eine Meinung über den anderen. Das passiert unterbewusst und geschieht intuitiv; dabei werden Kleinigkeiten beachtet, mit Erwartungen verglichen und in schon bestehende Einstellungen, Meinungen oder Vorstellungen, also bestehende Schubladen gesteckt. So macht es natürlich einen Unterschied, ob man einen Menschen im bei der Ausübung seines Berufs kennenlernt oder privat und ob man eine Person in einer entspannten Atmosphäre trifft oder in einem dynamischen Umfeld (z. B. an einer Strandbar im Urlaub oder nach Feierabend in der U-Bahn); ob man mit der Erwartung kommt, ein tolles Date zu kriegen oder sich nur mit der Person aus Spaß ohne Erwartungen trifft.

Diese Aspekte sind selbstverständlich nur einen Teil von dem Ganzen, die eine Begegnung zwischen zwei Menschen beeinflussen würden, und es gibt denkbar viele andere Faktoren des Aufeinandertreffens, die unterschiedlich zusammenlaufen und so den ersten Eindruck stark beeinflussen werden. Es ist jedoch nicht die Persönlichkeit des Menschen mit allen seinen guten oder schlechten Eigenschaften, die zu dieser ersten Meinungsbildung führen, sondern nur die eigene Vorstellung davon und das sollte einem bewusst sein. Freilich kann man im Laufe eines ausführlichen Gesprächs, welches unmittelbar nach dem ersten Aufeinandertreffen folgt, vieles über den anderen erfahren- mit dem ersten Eindruck wenig zu tun.

Die eigentliche Liebe wächst mit der Zeit

Der erste Eindruck von einer anderen Person kann im Laufe des Kennenlernens bestätigt oder widerlegt werden – manchmal wieder der Eindruck positiver, manchmal negativer. Im Falle beliebten Liebe auf den ersten Blick haben beide von Beginn an ein gutes Gefühl und haben den jeweils anderen demnach richtig eingeschätzt, und sind überzeugt, dass Anfang an die Chemie stimmt und denken sich „Ja, das passt“. Was zu Beginn vielleicht wegen des netten Lächelns, dem guten Körper, die freundlichen Gesten z.B. Türaufhalten usw. entstand, bestätigt sich zunehmend in den darauffolgenden Gesprächen und bei den Treffen. Man stellt man Gemeinsamkeiten fest, und teilt seine Abneigungen und wenn man sich vor allem beim anderen gut aufgehoben fühlt, stimmt die Chemie dann einfach von vorn bis hinten.

Sich der Liebe zu allmählich zu nähern, ist vielleicht nicht das Romantischste auf der Welt, aber an dieser Stelle würde es ohne Frage dazu führen, das Prinzip der Liebe auf den ersten Blick infrage zu stellen. Meint man denn mit Liebe auf den ersten Blick, die Liebe nach mehreren Blicken? Denn Liebe ist doch etwas, das sich entwickelt, mit der Zeit wächst und stärker wird, je mehr man sich zum anderen zugehörig fühlt.

 Zwar ist die Einteilung in die bestimmten Phasen verknallt sein, verliebt sein, lieben, etc. für jeden individuell unterschiedlich und die Übergänge fließend, aber ist da nicht ein kleiner Unterschied zwischen jemanden sympathisch oder anziehend finden, gerne haben, in jemanden verliebt sein und jemanden lieben? Darüber lässt sich streiten, aber darum geht es jetzt weniger, denn Liebe ist etwas Schönes, egal wie sie sich und wann sie sich entwickelt hat. Das Gefühl auf den ersten Blick soll nicht negativiert werden, sondern die Wertschätzung für das Gefühl der Liebe auf welche Weise auch immer sie entstand, betont werden.

Wer sich vom Ideal der viel gehypten Liebe auf den ersten Blick verabschiedet und auch Platz für Liebesgeschichten mit dem Ursprung anderer Art lässt, erweitert seinen Horizont und damit den Spielraum, wie die eigene Liebe entstehen kann. Wer für sich erkennt, dass es nicht immer sofort perfekt sein muss, lässt sich selbst und dem anderen mehr Zeit. Nur, weil beim ersten Treffen nicht gleich das Knistern da ist und die Funken überspringen, heißt das nicht, dass sich daraus nicht mehr entwickeln kann. Wer die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die Liebe langsam entsteht, bei dem gibt es nichts zu zweifeln, wenn man seinen langjährigen Freund plötzlich in einem anderen Licht sieht. Der lässt zu, dass andere, die man eigentlich aus den Augen verloren hat, wieder in das eigene Leben kommen, weil zweite Chancen auch möglich sind.

Wer dafür offen ist, dass sich Liebe auf Umwegen auch entwickeln kann, setzt sich auch mehr mit einer Person auseinander, die eigentlich vieles hat, was man nicht gut findet, aber trotzdem eine Anziehungskraft auf einen hat. Die Liebe auf den zweiten Blick sozusagen nicht infrage zu stellen, sondern als genauso gut wie die Liebe auf den ersten Blick anzuerkennen, macht sensibler, weil auf das große Ganze mehr geachtet wird, als auf die ersten Schmetterlinge im Bauch. Natürlich gehören auch die Schmetterlinge im Bauch und ein wenig Leidenschaft zur Liebe dazu, aber es ist doch nicht schlimm, wenn man dafür manchmal bisschen Anlaufzeit benötigt. Denn langfristig gesehen ist es nicht das, was eine Partnerschaft lange haltbar und stabil macht

Wie kommt es also zur Liebe des Lebens?

Für die Liebe des Lebens braucht man vielleicht doch mehr als die Liebe auf den ersten Blick, sie benötigt Zeit.

Auf Dauer sind es die Gemeinsamkeiten, welche man teilt, die für das lange Bestehen einer Beziehung sorgen. Wenn man ähnliche Interessen, gemeinsame Pläne und Wünsche, geteilte Hoffnungen, die gleiche Einstellung hat, ist das viel einfacher, die restliche Zeit des Lebens miteinander zu verbringen. All das unterstützt eine lange und stabile Bindung zu einem Partner. Natürlich kommt es die Balance in der Mischung an; jeder ist individuell und auf seine Weise einzigartig, und deswegen muss eine vollständige Übereinstimmung natürlich nicht unbedingt sein. 

Aber in den wichtigen Dingen sollte man sich einig sein. Und ob diese der Realität entsprechen, sieht man wohl nicht auf den ersten Blick. Dieser kann ein gutes Gefühl erzeugen, das aus der eigenen Hoffnung oder Erwartung stammt, wie der andere der Mensch ist und sein sollte, der für einen bestimmt ist. Natürlich kann diese Intuition stimmen und alles ist super. Aber der erste Eindruck kann auch in die Irre führen, und zwar so, dass man eine Person – vielleicht weil sie einen schlechten Tag hat oder der Zeitpunkt grad schlecht ist – zu schnell abschreibt, obwohl sie eigentlich gut zu einem passen würde. Und dieses Risiko nur aufgrund von Vorsicht einzugehen, die durch die Illusion des perfekten ersten Moments und der Liebe auf den ersten Blick hervorgerufen werden, wäre doch schade.

Letztendlich ist es aber egal, wie es zu der Liebe kam, die man mit dem Partner teilt. Wichtig ist nur, dass man zusammen ist, die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht und beide glücklich in der Partnerschaft sind. Ob diese schöne Beziehung den Anfang bei einem romantischen Rendezvous, einem zufälligen Treff am Strand bei Sonnenuntergang, einer jahrelangen Freundschaft, oder beim gemeinsamen Projektarbeiten am Arbeitsplatz, Telefonate oder E-Mail-Verkehr durch Online Dating den Anfang genommen hat, ist dann nebensächlich. Die Geschichte des Zueinanderfindens muss keine Handlung für Hollywoodfilme darstellen. Sie sich auch nicht für die Kollegen und Freunde oder irgendjemanden interessant sein und auf deren Tränendrüsen drücken.

Die Geschichte hatte nur einen Sinn und der ist schon erfüllt; sie hat zwei Verliebte zueinander geführt und ihnen ein Liebesglück. Ob man dafür nun einen Blick oder viele Blicke gebraucht hat, spielt dann keine wirkliche keine Rolle mehr.

Der Weg zur Beziehung

Was passiert dann von der Liebe auf den ersten Blick oder dem zweiten Blick dann auf dem Weg zur Beziehung? Am Anfang jeder Beziehung trägt man sie. In ihrem Licht wirken selbst die komischsten Ticks und Macken des Partners sehr liebenswert. Die Rede ist von der anfänglichen rosaroten Brille. Sie lässt den Liebsten oder die Liebste in einem perfekten Licht erscheinen. Aber was passiert eigentlich im Körper dieser ersten und wichtigen Phase einer neuen Partnerschaft?

Verliebte beschreiben diese ersten intimen Momente mit einem neuen Partner immer mit ähnlichen Worten. Es sind fast immer „Schmetterlinge im Bauch“, „Herzklopfen“, „Kribbeln im Bauch“, „auf rosaroter Wolke oder auf Wolke 7“, etc., und ein intensives Glücksgefühl. Die rosarote Brille ist ein sehr sicheres Zeichen dafür, dass sich in der ersten Phase einer Beziehung befindet – nämlich in der Verliebtheitsphase.

Mit der rosaroten Brille wird der Blick auf den neuen Liebsten oder die neue Liebste beschrieben: Denn der neue Partner hat natürlich keinerlei Fehler, ist absolut perfekt und optimal als Partner geeignet. Jeder Außenstehende ohne rosarote Brille kann die kleinen Macken und Ticks sehen, die er oder sie mit in die Partnerschaft bringt. Der oder die Verliebte aber ist gegen all diese menschlichen Fehler blind, dank der Brille.

Und das ist gut so! Denn müsste man sich gleich bei den ersten, noch in den Anfängen einer Partnerschaft schmutzigen Geschirr in der Küche, der getragenen Kleidung, die rumliegt oder der ständigen Unpünktlichkeit herumschlagen, würden noch mehr Beziehungen gleich zu Beginn scheitern.

Nur der getrübte Blick verhindert uns, den Traumpartner gleich unmittelbar sofort in den Wind zu schicken. Stattdessen sind die Schmetterlinge im Bauch und das starke Herzklopfen Grund genug, immer an den Traumpartner zu denken. Vom Aufwachen bis zum Schlafengehen drehen sich alle Gedanken nur um den oder diejenige.

Ist es wirklich Liebe, die einen blind macht?

Ja, sieht ganz so aus aber genauer müsste es heißen, dass Verliebtheit blind macht. Allgemein sorgen die Prozesse im Gehirn und die zum ausgesendeten Botenstoffe, dass man gar nicht an die Angst oder Flucht denkt. Auch dann nicht, wenn das Verhalten des Traumpartners eigentlich zum Wegrennen wäre.

Stattdessen werden Fehler und Unzulänglichkeiten nicht erkannt und der Partner als der perfekte Prinz oder Prinzessin gesehen. In gesunden Beziehungen mit einer stabilen geteilten Basis geht daraus eine tiefe und innige Liebe hervor, die auch das Ende der ersten Verliebtheitsphase gut überstehen würde. Ungesunde Partnerschaften dagegen sind für Freunde und Familienangehörige oft schon von Anfang an gut erkennbar – nur der oder die Verliebte kann von den Fehlern des Partners nichts erkennen.

Möglich macht es das Hormon Oxytocin, welches beim Kuscheln ausgestoßen wird, aber auch Testosteron und das Stresshormon Adrenalin. Letzteres bewirkt ganz real das bekannte Herzklopfen – denn Verliebt sein ist nur Stress. Die Pupillen sind mehr erweitert als normal, durch den allgemein gesteigerten Aktivitätslevel schwitzt man schneller und die Haut wird stärker durchblutet. Der rosige Schimmer auf den Wangen, das schnellere Erröten bei emotionalen Augenblicken – all diese körperlichen Signale zeigen ganz deutlich, dass man sich kopfüber im Liebesglück wiederfindet.

Rosarot als Chance: Beziehungsglück mit leicht verzerrter Wahrnehmung

Der anfangs verzerrte Blick auf den Liebsten/die Liebste könne eine Chance auf ein ungetrübtes und glückliches Beziehungsleben sein, sagen manche Eheberater. Andere sehen es als größten Gewinn, direkt zum Beginn der Beziehung mit einer Paartherapie zu starten – um die rosarote Brille möglichst schonend absetzen zu können.

Selbstverständlich ist in einer Beziehung jeder selbst für seine Gefühle und deren Behandlung zuständig. Wer sich in einer langjährigen Beziehung deshalb vor allem auf alles Schwierige konzentriert, hat das zunächst selbst in der Hand, zu erkennen, was es Gutes am Partner gibt, und was einem besonders gefällt. Was sind die schönen Dinge im Alltag mit ihm, und bringt er einem zum Lächeln oder lachen.

Diese und ähnliche Fragen unterstützen dabei, den Fokus weg von negativen und hin zu positiven Aspekten in der Beziehung zu bewegen. Vor allem in langen Beziehungen ist eine gewisse Ignoranz gegenüber den kleinen Macken des Partners ein Garant für das Liebesglück – solange sie still die liegen gelassenen Socken ihres Mannes wegräumt und er ganz hinter ihr die angelassenen Lichter ausmacht – und beide glücklich damit sind.

Stabile lange Beziehungen leben davon, dass man sich ein gewisses Maß an Toleranz für die Schwächen des Partners behält. Stattdessen erfreut man sich an seinem feinen Sinn für Humor oder genießt die gemeinsam geteilten Hobbys.

Was aber passiert, wenn man zuerst von den negativen Eigenschaften des Partners konfrontiert wird? Es springen einem dann die negativen Seiten des Partners entgegen, wenn man die rosarote Brille absetzt. Wer sich liebt, kann damit leicht umgehen. Der Umschwung vom hormonellen Rauschzustand hin zu einem normalen Level kann nichtsdestotrotz herausfordernd sein.

Paartherapeuten raten dazu, bewusst auf Schwächen des Partners zu achten.

  • Dein Partner immer unglücklich? Lässt er oder sie ständig ihre Sachen liegen oder im Gegenteil, der Partner ist viel zu penibel und räumt gleich alles weg?
  • Braucht er oder sie viel zu ewig um Entscheidungen zu treffen?
  • Oder flirtet er oder sie viel zu gern und ist zu extrovertiert und man wird misstrauisch?

Diese oder andere Schwächen gehören aber ebenso wie alle Stärken und positiven Eigenschaften zu einem Menschen dazu. Wer wirklich liebt, kann im Verlauf der Beziehung diese Eigenheiten des Partners akzeptieren. Weil man ihn als Mensch genauso kennen- und lieben gelernt hat.

Bei diesem Wechsel zwischen der Verliebtheitsphase bis zur stabilen Partnerschaft scheitern viele Beziehungen. Man merkt, dass es ohne das ganze Hormontreiben im Kopf mit dem Liebsten dann doch nicht passt. Hier sollte man eins bedenken, nämlich dass eine gesunde und stabile Beziehung Arbeit erfordert. Sie benötigt Pflege und Hingabe und aber auch Geduld. Verständnis für den Partner und Verständnis vom Partner sind nötigt, um aus zwei Leuten ein harmonisches Paar zu machen.

Marius Heischner

Marius Heischner

Testredakteur